Interview mit Martin Wiesemborski, Initiator von „Ladenhüter“

Judith HellhakeGeschätzte Lesedauer: 4 Minuten

Interview mit Martin Wiesemborski

Hilfe zur Selbsthilfe. Das ist der Grundgedanke von der Initiative und Plattform „Ladenhüter“, die in den schwierigen Zeiten der Coronakrise Händerinnen und Händlern Handlungspotenziale aufzeigen will. Judith Hellhake hat den Initiator hinter der Idee Martin Wiesemborski zum Gespräch getroffen.

Lieber Herr Wiesemborski, ich freue mich, dass wir uns heute zur Initiative „Ladenhüter“ austauschen können. Stellen Sie uns doch gerne zu Beginn einmal das Konzept und den Hintergrund der Ladenhüter vor.

Ladenhüter ist beim Hackathon #wirvsvirus entstanden. Die Bundesregierung hat damit einen digitalen Beteiligungsprozess in der Coronakrise gestartet, in dem viele Projekte entwickelt wurden, die verschiedene Probleme im Zusammenhang mit Corona lösen wollen. Im Team haben wir schnell festgestellt, dass es schon richtig tolle Beispiele gibt von kleinen Unternehmen, die der Krise trotzen. Das hat uns sehr inspiriert und wir haben beschlossen: Das wollen wir gerne teilen. Auch weil wir glauben, dass nicht jede/r Unternehmer*in die notwendige digitale Kompetenz und Kreativität hat, um sich jetzt in der Krise schnell und flexibel neu auszurichten. Unsere Vision war es daher lokale Unternehmen und Selbstständige zu motivieren, zu inspirieren und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. So ist in nur 48 Stunden mit ladenhüter.info eine Informationsplattform entstanden, die nützliche Tipps und Tools an die Hand gibt und durch die Skizzierung von Erfolgsgeschichten Inspiration bietet.

Können Sie uns auch etwas zu Ihren Erfahrungen rund um die Umsetzung des Hackathons erzählen? Wie haben Sie diesen wahrgenommen? Was war das Besondere daran?

Es war Wahnsinn, wie viele tolle Ideen binnen 48 Stunden im Rahmen des Hackathons entstanden sind: Knapp 30.000 Leute haben mitgemacht und fast 2.000 Lösungen wurden entwickelt. Mich haben dieser solidarische Aktionismus und das Zusammengehörigkeitsgefühl besonders motiviert, denn meiner Meinung nach kommt es darauf an in diesen herausfordernden Zeiten im Kollektiv zu arbeiten und gemeinsam Stärke zu entwickeln. Gleichzeitig freut es mich sehr, dass wir mit der Plattform Ladenhüter bereits am zweiten Tag des Hackathons eine funktionierende Seite live gestellt hatten. Bei vielen anderen war es zu dem Zeitpunkt – und ist es teilweise leider immer noch – nicht mehr als ein grobes Konzept. Ohne Frage gibt es hier zahlreiche gute und wichtige Ideen, aber eben noch keine konkrete Hilfe.

Was war Ihre Motivation zur Teilnahme und mit welchen Erwartungen sind Sie an die Sache herangegangen?

Viele von uns im Team arbeiten seit Jahren in der Digitalbranche und wollten ihre Fähigkeiten jetzt sinnstiftend einbringen. Wir sind keine Mediziner oder Forscher, wir können nicht an „vorderster Front“ gegen das Virus kämpfen. Aber wir können helfen, seine Auswirkungen auf die vielen Einzelschicksale zu minimieren und genau da unterstützen. Wir haben alle kleine Lieblingsläden, die wir gerne besuchen und auf gar keinen Fall verlieren möchten. Wenn wir auch nur einer/m Unternehmer*in dabei helfen können, weiterzumachen, dann haben wir unsere Mission erfüllt. 

Ihr habt spontan einen Onlineshop auf die Beine gestellt. Erzähl doch bitte einmal, wie es dazu gekommen ist. War der Launch ohnehin schon geplant?

Nein, das war nicht geplant. Es war immer schon mal bei uns im Gespräch und ist auch durch Kund*innen angeregt worden, die ohnehin etwas weiter weg wohnen und sich das sehr gewünscht haben. Ich habe mich aber bisher mit Händen und Füßen dagegen gewehrt. Eben auch weil wir den persönlichen Kundenkontakt hier im Geschäft sehr lieben und sich auch viele Kunden von weiter weg auf den Weg zu uns machen. Dadurch, dass die Geschäfte im Moment geschlossen sein müssen, haben wir unseren Onlineshop dann doch spontan in Angriff genommen und sind jetzt sehr dankbar dafür, dass wir das so gut umsetzen konnten.

In der aktuellen Situation sind ja insbesondere Händler*innen unter extremen Druck geraten und stehen vor großen Herausforderungen. Welche Erfahrungen machen Sie hier konkret im Austausch mit Ihrer Zielgruppe? Wie sind die Reaktionen auf Ihre Initiative?

Wir haben an dem Wochenende des Hackathons einen Fragebogen erstellt und von über 50 Unternehmen Rückmeldung erhalten. Dadurch bestätigte sich schnell: Die einen werden sehr aktiv und finden blitzschnell neue kreative Wege, um die Existenz ihres Unternehmens trotz der Krise durch neue Mittel und Methoden zu sichern. Der andere Teil verfällt in eine Art Schockstarre und ist mit der Situation überfordert. Seit dem Hackathon haben wir von beiden Lagern positive Reaktionen erhalten – die „Aktionisten“ freuen sich als Erfolgsgeschichte anderen als Vorbild zu dienen und das andere Lager ist dankbar für unsere Hilfestellungen. Wir merken aber auch, dass wir dringend auf weiteres Feedback zu ladenhüter.info angewiesen sind, um die Plattform weiter zu entwickeln und den Bedarfen unserer Zielgruppe stetig anzupassen. Unter ladenhueter.info/feedback rufen wir daher schon dazu auf, uns mitzuteilen, welche weiteren Infos benötigt werden, um bestmöglich zu unterstützen.

Und ebenso interessant: Wie messen Sie den Erfolg der Maßnahme?

Für uns ist es ein Erfolg, wenn auch nur ein einziger Laden dank Ladenhüter für sich einen Weg aus der Krise findet, den er vorher nicht für möglich gehalten hätte. Aber natürlich wollen wir so vielen wie möglich helfen. Dabei helfen uns unter anderem Zahlen und Nutzungsstatistiken der Website. Wir schauen zum Beispiel darauf, welche Inhalte auf der Website rezipiert werden, wie lange sich die Besucher auf unserer Plattform aufhalten und wie hoch die sogenannte „Bounce-Rate“ ist – und versuchen daraus Rückschlüsse zu ziehen und Ladenhüter zu optimieren.

Wenn Sie insbesondere kleinen Unternehmen vor dem Hintergrund Ihrer Erfahrungen derzeit einen Ratschlag an die Hand geben könnten. Welcher wäre das?

Nicht den Kopf in den Sand stecken! Viele der Lösungen auf Ladenhüter.info sind innerhalb weniger Minuten eingerichtet und umgesetzt. Wir zeigen, dass es eben keinen aufwendig programmierten Webshop benötigt, sondern nur einen kostenlosen Instagram- und PayPal-Account. Also: einfach ausprobieren – es gibt nichts zu verlieren. Außerdem ist es ratsam offen zu bleiben und auch mal über den Tellerrand der eigenen Branche zu schauen: Die Bar kann Inspiration beim Blumengeschäft finden, Ideen von Gesangslehrern können auch für Unternehmensberater relevant sein. Und letztlich: Scheuen Sie sich nicht, andere nach Hilfe zu fragen. Wir sehen einen großen Zusammenhalt zwischen lokalen Unternehmen, ob in Form von Kollaborationen oder auch nur zum Wissensaustausch. Alle sind bereit, sich gegenseitig zu helfen.

Schnelles Agieren erfordert häufig auch ein gewisses Maß an Fehlertoleranz. Verraten Sie uns das größte Learning, dass Sie persönlich aus dieser turbulenten Zeit mitnehmen?

Es ist mehr möglich, als man denkt. Ich hätte vorher nicht gedacht, dass wir mit diesem bunt zusammengewürfelten Team, das sich vorher auch nicht kannte, in so kurzer Zeit so viel auf die Beine gestellt bekommen. Wir mussten aber auch schnell lernen: Realistisch denken und planen ist wichtig. Wir würden gerne Ladenhüter weiter ausbauen, können aber alle nur nach Feierabend daran arbeiten. Also mussten wir uns schweren Herzens stark fokussieren und aufwendige Funktionalitäten erstmal nach hinten priorisieren.