Digitalisierung: Fluch oder Segen für den Einzelhandel?

Georg Wittmann

Neue Technologien, demografischer Wandel und verändertes Kundenverhalten – im deutschen Handel passiert gerade so Einiges. Besonders die zunehmende Digitalisierung unserer Gesellschaft, aber auch unserer Wirtschaft, stellt Händler vor große Herausforderungen. Technologienetablierte Abläufe und das Kundenverhalten entwickeln sich in rasantem Tempo weiter. Der Wettbewerbs- und Anpassungsdruck steigt, insbesondere für kleine und mittlere Händler. Die Folge: Viele Standorte leiden unter Frequenzverlusten und Umsatzrückgang. Viele Läden in den Innenstädten stehen leer. Und die Händler fühlen sich von diesen Entwicklungen überrollt. Gleichzeitig stellt der Online-Vertrieb den Handel vor immer neue Aufgaben. Neue technische Anforderungen, Wettbewerb aus dem Ausland oder veränderte und hinzukommende regulatorische Vorgaben lassen den Online-Handel nicht langweilig werden.

Der Handel ist online

Die Anforderungen an den Händler von morgen nehmen immer weiter zu – und übersteigen vielmals Leistungen und Fähigkeiten von kleinen und mittleren Unternehmen (KMU). Neben den genannten Veränderungen sorgt nicht zuletzt der Onlinehandel dafür, dass sich der Wettbewerb weiter verschärft. Laut HDE Online-Monitor haben im Jahr 2018 bereits 65,7% der Deutschen online eingekauft. Im Schnitt gab ein Online-Shopper über 1.300 Euro pro Jahr aus – Lebensmittel einmal ausgenommen. Auch wenn der Online-Handel nur einen geringen – aber stetig wachsenden – Anteil am Einzelhandelsumsatz ausmacht (2018: 10,1% laut HDE Online-Monitor), so hat der Kunde viele Teile seines Einkaufsprozesses mittlerweile ins Netz verlagert. Digitale Sichtbarkeit für den einzelnen Händler ist somit Pflicht!

Trotz des daraus resultierenden Handlungsdrucks auf die Branche verlaufen Umsetzungsprozesse überwiegend zu langsam. Häufig erkennen Entscheider die Chancen der Digitalisierung zu spät oder gar nicht oder es fehlt an der nötigen Zeit und dem nötigen Know-how. Gleichzeitig verändern sich Informations- und Kaufverhalten und damit die Bedürfnisse und Wünsche von Konsumenten immer schneller. Dieser rasante Wandel setzt damit die Anbieterseite wiederum unter Druck, ihr bisheriges Handeln anzupassen, um im Wettbewerb um die Kunden bestehen zu können. So zeigt der HDE Online-Monitor ebenfalls, dass beispielsweise beim Kauf von Möbeln 62% der Konsumenten mehrere Kanäle verwenden, bevor sie endgültig etwas kaufen.

Händler sehen oft keinen Bedarf für Veränderungen

Indes ermöglichen heute digitale Anwendungen neue Arten der Kundenansprache, mit denen Händler aller Größen den steigenden Anforderungen begegnen können. Dafür gilt es jedoch zunächst zu sensibilisieren und anfängliche Handlungsbarrieren zu überwinden. Denn das aktuelle Bild zeigt: Händler sehen sich selbst häufig (noch) nicht von den Veränderungen betroffen oder erkennen keine Verbindung zwischen ihren Schwierigkeiten und den aufgezeigten Entwicklungen. Anderen fehlt schlichtweg die Zeit, das Geld und auch das Wissen, um sich mit den Möglichkeiten auseinanderzusetzen, die die Digitalisierung mit sich bringt. Bei genauerem Hinsehen überwiegt die Chance hierbei auch die Risiken.

Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Handel: Unterstützung für kleine und mittlere Händler

Den Herausforderungen, die die Digitalisierung für den Handel bereithält, steht eine hohe Geschwindigkeit in der Entwicklung digitaler Lösungen gegenüber. Dies verdeutlicht nochmals, dass den dargestellten Problemen mit dem notwendigen Nachdruck begegnet werden muss. Hier setzt die Arbeit des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Handel an, das vom Handelsverband Deutschland – HDE e.V. (Konsortialführer), EHI Retail Institute, ibi research an der Universität Regensburg und dem IFH Köln getragen wird. Kleine und mittlere Einzelhändler, Großhändler sowie E-Commerce-Unternehmen im ländlichen Raum und in Städten können sich bei den Expertinnen und Experten des Kompetenzzentrums über Möglichkeiten der Digitalisierung ihres (zukünftigen) Unternehmens informieren. Zu dem deutschlandweiten und kostenfreien Angebot gehören Workshops, Unternehmersprechstunden, Podcasts, Checklisten und Infomaterialien. Außerdem wird das Kompetenzzentrum Handel mit dem DigitalMobil Handel (DiMo) auf Tour gehen. In Berlin, Regensburg, Köln und Langenfeld wird es Erlebniszentren geben, in denen die Händler digitale Lösungen testen und diskutieren zu können.